Die Grafik von JP Morgan in diesem Tweet zeigt auf, wann die Erdöl-Lieferungen aus dem Nahen Osten in den verschiedenen Weltregionen versiegen:
- Afrika: 20. März bis 1. April
- Asien: 1. April
- Europa: 10. April
- USA: 15. April
- Australien: 20. April
Das lese ich so, dass an ungefähr dem Tag der letzte volle Tanker aus dem Persischen Golf nach tage- respektive wochenlanger Fahrt seinen Zielhafen erreicht. Sprich das sind Schiffe, die vor, am, oder noch kurz nach dem verhängnisvollen 28. Februar 2026 die Strasse von Hormuz passiert haben. (Ja, es passieren weiterhin vereinzelt Schiffe die Strasse, aber niemals in den nötigen Grössenordnungen, und nur für spezifische, Iran-freundliche Länder).
Am Zielhafen wird das Erdöl aus dem Schiff gepumpt und direkt? oder via Tanks? in lokale Raffinerien eingespeist, damit es dort zu Erdölprodukten verarbeitet und diese dann dem lokalen Markt zugeführt werden können (Benzin, Diesel, aber vielleicht auch Plasticgrundstoffe, Dünger und was die Petrochemie sonst noch alles aus der dunklen Brühe hervorzaubert).
Ab dem oben genannten Tag hat jede Weltregion ein Problem.
Angefangen bei den Förderländern, deren Zwischenlagerungstanks vor Ort voll sind, da die aus dem Boden geholte Brühe nicht mehr auf Schiffe verladen werden kann. Das bedeutet, dass man dann die Pumpen abstellen muss, sonst laufen die Tanks über. Die Pumpdinger, so habe ich mittlerweile verstanden, kann man dann nicht einfach so mir nichts dir nichts wie ein Lichtschalter betätigen und dann sprudelt es wieder. Wenn ich es richtig verstanden habe geht es hier um das Problem mit der „flow rate“, sprich um ausreichend Druck, um das Erdöl aus dem Boden zu drücken.
Aber natürlich auch in den nachgelagerten Industrien in aller Welt, die just-in-time produzieren und darauf angewiesen sind, dass täglich neue Öl-Ladungen eintreffen. Die meisten Ländern haben zwar strategische Ölreserven, sprich übergrosse „Benzinkanister“, deren Inhalt man dann in einer solchen Situation freigeben kann. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass aus dem Nahen Osten kein Erdöl mehr angeliefert wird — sprich man stösst das Problem höchstens ein paar Wochen, Monate oder ein Jahr in die Zukunft. Japan hat aus den 1930ern gelernt (übrigens: ein direkter Link zu Pearl Harbor), und verfügt weltweit über eines der grössten Strategic Petrolium Reserve (SPR)-Lager, um ganze 254 Tage überbrücken zu können. Die Schweiz: 135 bis 140 Tage (Switzerland stopping short of releasing oil reserves, says president). Dann kommt der „Strömungsabriss“ mitsamt dem Schock halt dann; ausser man schafft es irgendwie, bis zu dem Tag wieder mindestens täglich die Mengen an Erdöl herbeizukarren, die gerade verbraucht werden. Möglich, aber fraglich, denn die ganze Welt braucht dann den „Stoff“. Und: Sind die strategischen Ölreserven mal leer, hat man absolut keine Resilienz mehr. Fallen dann die Lieferungen ein paar Tage oder Wochen aus, ist Lichter Löschen angesagt. Und: Eigentlich müsste man ab dem Zeitpunkt der erschöpften SPR soviel Erdöl importieren, dass man nicht nur den Tagesbedarf decken kann, sondern möglichst viel zusätzliches Öl, um die Reservetanks so rasch als möglich wieder zu füllen.
Was ich mich beim Schreiben dieses Artikels plötzlich gefragt habe: Kaltstart, oder Schwarzstartfähigkeit (der Begriff aus der Stromerzeugungsindustrie). Wie viele Erdölfelder in welchen Regionen müssen wie lange offline gehen, damit wir unsere gesamte globale Förder- und Transportkette nicht mehr starten können? Sprich dass Zielländer über kein Diesel mehr verfügen, um Tanker oder Tankzüge zu den Produktionsorten zu fahren oder schippern, und sich bei den Erdölfeldern nicht genügend Tanker und Diesel befinden, um ausreichend Erdöl zu verladen und zu verschiffen, damit eine Region wieder nachhaltig „online“ kommt … spannend, aber auch extrem beängstigend.

